Spontanbesuch - Tagebucheintrag aus 2010

 Freitagmorgen, 12. November 2010, 05:00 Uhr.

 

Ich liege im Bett und kann nicht schlafen. Ich drehe mich nach links. Ich drehe mich nach rechts. Auf den Bauch, auf den Rücken. Liegen, sitzen, knien, beten. Nichts hilft. Wut kommt auf. Ich schaue auf die Uhr. Der Sekundenzeiger ist motivierter, schneller und energischer bei der Arbeit, als ich es jemals gewesen bin.

 

Immer noch Freitagmorgen, 12. November! 05:20 Uhr. In meinem Kopf spielen sich verrückte Sachen ab. Ich überlege kurzweilig, ob ich heute Dr. Holiday besuchen gehe und mir, dank seiner äußerst kooperativen Zusammenarbeit, anschließend 1 – 2 Wochen Ferien gönne. Doch Dank meinem Kontostand und der wenig kundenorientierten Kreditgesellschaft, bleibe ich dem Gedanken fern. Warum nehmen Bankinstitute eigentlich jede Abbuchung so genau? Und warum muss ich meinen Bankberater andauernd erklären, dass Schuhe ein Aushängeschild sind und Kleider getragen werden wollen. Hallo?! Ich investiere doch lieber in meine Zukunft anstatt in Rentenfonds. Wenn ich alt bin, kann ich auf meinen Manolos nicht mehr laufen und meine Beine will dann auch kein Mann mehr sehen! Ich investiere!

 

Männer denken komischer Weise, dass Frauen sich gerne hübsch machen. Wer hat ihnen das bloß eingetrichtert? Wissen Männer denn nicht, wie aufwändig es ist sich die Haare hochzustecken – auch wenn die Frisur anschließend noch so lässig aussieht? Wissen Männer nicht, dass Strumpfhosen richtig doll einschnüren können und kneifen? Und wissen Männer denn nicht, dass Frauen eben nicht „zufällig“ immer sexy aussehen?

 

Zur Verteidigung des männlichen Geschlechts, muss ich jedoch zugeben, dass wir Frauen das größte Talent besitzen, was die Menschheit je besessen hat.

 

Wir haben das Talent, Dinge so aussehen so lassen, als wären sie Zufall!

 

Wer kennt das nicht? Es ist Freitagabend. Du bist müde, du bist genervt. Du freust dich, dass Sofa und Arsch wieder zueinander finden, schaltest die Glotze an – genießt den Abend mit Chips & Wein – und gönnst Dir dazu noch einen richtig schnulzigen Film. Der Freitagabend hat dich voll im Griff. Langsam wirst Du, aufgrund deines unermüdlichen Einsatzes im Büro, schläfrig. Die Augen werden schwerer und Du nimmst auf dem Sofa die Embryostellung ein. Der Tunnelblick beginnt und die Akustik lässt nach. Völlig außer Frage, Du bist gerade dabei einzuschlafen. Es ist 23:43 Uhr! So, und dann passiert es! Dein Techtelmechtel! Er meldet sich zur späten Stunde. Kurz überlegst Du, ob Du ans Telefon gehst oder es lieber sein lässt. Doch weil die letzte sexuelle Gefälligkeit schon mehrere Wochen her liegt, beschließt Du ans Telefon zu gehen. Dein Don Juan, er fragt ob er vorbei kommen soll. Was für eine Frage?!

 

Ein Appell an die Männer da draußen! SPONTANBESUCHE sind bei Frauen ein absolutes NO GO!

 

Doch weil Dein geistiger Zustand eh ein bisschen benommen ist und Du Dich, aufgrund des schnulzigen Liebesfilms sowieso ein wenig einsam fühlst, gehst Du auf seine eigene Einladung ein. Er ist in 15 Minuten bei Dir! OH SHIT!

 

Kaum beendet ihr das Telefonat, beginnt auch schon der pure Stress! Du schaust Dich um, Du schaust Dich an! HILFE! Schon erstaunlich, was eine Frau nicht alles in 15 Minuten erledigen kann, wenn sich Don Juan ankündigt. 15 Minuten Spinning ist dagegen echt ein Spaziergang! Jetzt heißt es systematisch vorgehen. Was wissen wir über Organisation?! Timing ist alles und das aufwändigste kommt zuerst. In unserem Falle, sind wir die große Baustelle, die es erst mal zu bearbeiten gilt. Du flitzt ins Schlafzimmer, tauscht deine XL Jogginghose und dein zerrissenes T-Shirt, trotz Außentemperaturen von - 3 Grad Celsius, gegen ein knappes Negligé. Hautstraffung aufgrund der arktischen Temperaturen inklusive.

 

Dann zitterst Du ins Badezimmer, stellst Dich vorm Spiegel und greifst zuerst nach der Puderquaste. Alle Couchfalten werden jetzt erst mal brav weg gepudert, und für einen frischen Teint darf ein zart rosé Rouché natürlich nicht fehlen. Die größte Hürde ist dennoch noch nicht überstanden! Deine HAARE! Oh jemine. Harre machen grundsätzlich, das worauf sie Lust haben. Irgendjemand hat mal behauptet, dass Augen der Spiegel zur Seele sind. Was für ein Quatsch! Es sind die Haare! Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann haben es meine Haare auch. Sie liegen nicht. Sie glänzen nicht. Sie schmiegen sich nicht an. Ja selbst das toupieren will nicht mehr funktionieren. Ich nenne solche Tage „Bad Hair Day!“ Echt zum erschießen! Eigentlich gehört es an solchen Tagen auch verboten, Verabredungen anzunehmen. Du schnappst dir deinen Haarfön und stylst dir nun hastig deine trockenen Haare zu einer einigermaßen hinnehmbaren Frisur. Nach ein paar rausgerissenen Haarbüscheln sitzt auch nun endlich die Frisur. Letzter Blick in den Spiegel. Passt.

 

Du schaust auf die Uhr und siehst - Du hast nur noch 6 Minuten Zeit. Oh Weia. Ein Rundumblick verrät Dir, dass deine Wohnung noch immer aussieht wie ein Schlachtfeld. Und das hastige umziehen hat auch nicht gerade zur Besserung beigetragen. Du schnappst Dir einen Korb und schmeißt alles was Dir gerade in die Hände fällt rein. TATA, die Wohnung scheint ordentlich. Doch, ach Du lieber Himmel. Du entdeckst deinen vollbeladenen Wäscheständer. Das an sich ist ja nicht weiter schlimm. Doch ausgerechnet heute, haben wir unsere „Sonntagsklamotten“ auf dem Wäscheständer. Das heißt, Blümchen Baumwollunterhosen im Größen-Sonderformat, Strümpfe die so riesig und gut gepolstert sind, dass man sie auch glatt mit kleinen Puppenkissen verwechseln könnte und BH´s die so schrecklich aussehen, dass Du sie noch nicht mal zum Sport anziehen würdest. Oh Nein, und zum besonderen Ärgernis fühlst Du, dass die gesamte Wäsche auch noch nass ist. Die kannst Du unmöglich so in deinen Schrank schmeißen. Also, was tust Du? Genau, das einzig richtige! Du schmeißt all die frisch gewaschene Wäsche erneut in deinen Wäschekorb. Somit ist auch das Problem gelöst.

 

Du schaust erneut auf die Uhr und siehst – Du hast noch 3 Minuten. Das heißt, ein finaler Toilettengang ist noch drin. Du rast wieder ins Badezimmer, reißt dir dein Höschen vom Leib und lässt deiner Blase erst mal freien Lauf. Herrlich! Das ist vorerst das letzte Mal das Du so entspannt auf Klo sitzen kannst, also gehört dieser Moment voll und ganz Dir! Bei einer vollen Frauenblase, könnte man die Geräusche, die durch die Tiefenentspannung des Beckenbodens entstehen, auch locker mal mit einer pissenden Kuh verwechseln. Aber was soll´s. Wir sind ja noch alleine. Doch, ach Du lieber Schwan, was wuchert dich da von unten so an?! OH NEIN, erst jetzt bemerkst Du, dass Du deine tägliche Rasur vernachlässig hast. Und das mindestens schon seit zwei Wochen. Verdammt. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass er in 1 Minute vor der Tür stehen wird. Mit viel Glück, darfst Du noch 3 Minuten für´s Parkplatz suchen mit einrechnen. Also springst Du schnell von der Kloschüssel runter und stellst Dich ohne Umwege direkt unter die Dusche und schnappst Dir deinen Rasierer. Im high-speed Schnelldurchlauf rasierst Du dir sämtliche Zonen, die von Männergesetz her, glatt sein sollten. Anschließend sprichst Du ein Stoßgebet aus, weil Du dir trotz des eifrigen Rasierens keine nennenswerten und tieferen Schnittverletzungen zugezogen hast. Es läutet an der Tür. Schneller als der Sekundenzeiger arbeiten kann, schlüpfst Du erneut in dein Negligé. Du hastest zur Haustür und drückst den Türöffner. Ca. 50 Sekunden bleiben Dir jetzt noch zum durchatmen. Noch mal schnell einen Blick in den Spiegel, einen Strich durch die Haare und einen kniff in die Wangen – wir sind bereit!

 

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